In der Kürze liegt die Würze – 140 Zeichen Twitter Romane

“Liest Du?” Nein ich lese nicht. Schlage ich ein Buch auf kommt mir spontan in den Kopf was Mozart über seine erste Oper zu hören bekam: „…zu viele Noten!“. Auf Twitter werden Microromane mit maximal 140 Zeichen erzählt. Mehr braucht es doch auch nicht für das schnelle Kopfkribbeln, oder?
Wie war das damals im Deutschunterricht? Ein guter Aufsatz hat eine Einleitung, einen Hauptteil und ein Ende. Die Tiny Tales bestehen streng genommen nur aus einem Ende. Veröffentlicht werden die abgeschlossenen Kurzgeschichten auf der Microblogging Plattform www.Twitter.com.
Unter http://twitter.com/tinytales etwa hat ein namenloser Verfasser eine Hand voll englischsprachiger Miniromane niedergeschrieben. Florian Meimberg aus Düsseldorf postet regelmäßig seine deutschsprachigen Macrogeschichten unter http://twitter.com/tiny_tales, und ist damit in der nationalen Twittersphere schon äußerst erfolgreich. Der Account zählt derzeit 3674 Follower.

Den Vogel schießt der englischsprachige Twitter Account VeryShortStories ab, der von Sean Hill aus Austin Texas befüllt wird. Bisher 493 Kurzgeschichten und wahnsinnige 34,406 Follower.

Technisch sind Tweets bei Twitter auf maximal 140 Zeichen begrenzt. Trotzdem fehlt es den Tiny Tales und Super Short Stories nicht an Wortwitz. Meist sind es kecke Anspielungen auf historische Begebenheiten oder auch mal eine Filmhandlung in Ultrakurzform. Neu? Nein, bereits einer der erfolgreichsten und bekanntesten US-amerikanischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts Ernest Hemingway soll folgende TinyTale verfasst haben: „For sale: baby shoes, never worn.“ Sechs Wörter, keines zu viel.
Das Wired Magazine hat 2006 zum Very Short Stories Contest aufgerufen, und hat darin ultra kurze Geschichten mit Grafikdesign verbunden. Autoren schrieben, Designer visualisierten die Tiny Tales. Hier finden sich alle Stories, auch die die es nicht in die Printausgabe geschafft haben: http://www.wired.com/wired/archive/14.11/sixwords.html
Im Mai 2008 rief der Coppyblogger Blog zum Twitter Writing Contest auf. “Can you tell a story in exactly 140 characters?” Alle Einsendungen finden sich als Kommentar unter dem Artikel. Der erste Platz ist genial:
New York Times Redakteur Matt Richtel hat in seinem Artikel „Introducing the Twiller“ die spannende Idee eines ganzen Romans im Twitterformat zu schreiben:
„It’s about a man who wakes up in the mountains of Colorado, suffering from amnesia, with a haunting feeling he is a murderer. In possession of only a cellphone that lets him Twitter, he uses the phone to tell his story of self-discovery, 140 characters at a time. Think “Memento” on a mobile phone, with the occasional emoticon. „
Sehr sehr spannendes Thema wie ich finde. Mich fasziniert bei den TinyTales vor allem das Konzentrierte. Die Geschichte wird in wenigen Wörtern angerissen. Am Satzende angekommen Zehntelsekunde der Ratlosigkeit, dann spinnt sich der Rest der Geschichte im Kopf des Lesers zusammen. Hinzu kommt dass eine runde Geschichte in 140 Zeichen wohl ähnlich schwer zu verfassen ist wie ein viele Seiten umfassender Roman.
Cem Basman hat kurz vor Weihnachten in seinem Blog den Ultra Short Story Contest (USS) angestoßen. In kürzester Zeit kamen 120 Tweetromane zusammen: http://sprechblase.wordpress.com/2009/12/23/uss-aktuelle-liste-der-ultra-short-stories/, die Twitter Liste der Autoren findet sich hier. Derzeit läuft die Abstimmung unter den zehn besten deutschsprachigen Ultrakurzgeschichten.
PS: Diesen Artikel habe ich ursprünglich für den Blog der Suzuki Blog “Small Things” geschrieben, fand das Thema dann aber auch für meinen Blog spannend. Dort ist er in englisch zu finden: http://small-things.eu/?p=705&lang=de








Rainer
Januar 5th, 2010, 21:22 #Hallo,
unter http://twitter.com/brennendeherzen gibt es auch etwas zu lesen. Da schreibt Arne Grieber einen Schundroman.
Gruß,
Rainer