
Eine Woche offline. Nix Twitter, kein Facebook. E-Mails liefen ins Leere. Für mich ein echter Reset und sieben sehr erholsame Tage. Kurzum, ich kann das bewusste ausknippsen aller Onlinekanäle auf Zeit wärmstens weiterempfehlen. Hier das Fazit nach dem Onlinefasten und warum ich mir das kabelgebundene Internet zurück wünsche.
Wie im letzten Blogartikel zu lesen war, habe ich einen kurzen Urlaub zum Anlass genommen, um mich für eine Woche aus dem Internet abzunabeln. Diese Offlineaktion war im Grunde nur die logische Konsequenz eines Urlaubs für Netzarbeiter. Was nützt schließlich der gute Vorsatz sich mal eine kleine Auszeit zu gönnen, wenn man trotzdem jederzeit der Infoflut und dem Konnektivitätszwang des WWW’s ausgesetzt ist.
Zwang? Flut? Man stelle sich einen Fließbandarbeiter vor, dessen Produktionsstraße direkt durch sein eigenes Wohnzimmer führt. Klar kann das fleißige Bienchen die Pantoffeln überstülpen und sich vor die Glotze hauen. Nur will sich die Entspannung nicht so recht einstellen, wenn nebenbei und immer in Sichtweite die Arbeit weiter läuft und man sich praktisch nur dazu stellen muss. Och wenn ich schon mal hier bin kann ich auch gleich den Pressluftschrauber…
Einem ähnlichen Szenario ist auch ausgesetzt, wer sich Morgens im Internet als Arbeitsplatz einstempelt. Praktisch alle Arbeitsmittel stehen ständig und überall zur Verfügung. Theoretisch genügen auch am Urlaubsort wenige Klicks, um sich wenigstens gedanklich in die Arbeitswelt zu beamen. Und seien es nur die neuesten Meldungen aus der Branche. Sicherlich erleichtert die untergehende Sonne am südländischen Küstenstreifen den Abschied aus der virtuellen Maloche. Dennoch wird es schwache Momente geben, in denen man im Bad eingeschlossen heimlich den elektronischen Postkasten checkt.
Längst ist es üblich, sich bei aufeinander folgenden Tagen ohne Produktivität (wir nennen es Urlaub) aus dem Netz abzumelden. Üblicherweise über die bekannte Abwesenheitsbenachrichtigung bei E-Mail-Anfragen. Aber auch auf Social Media Kanälen wie Twitter und Facebook wird sich immer öfter pflichtbewusst abgemeldet. Tschüß, ich bin dann mal weg. Für den Fließbandarbeiter liegt die Lösung für einen erholsamen Urlaub nahe. Sich einfach weiter vom Arbeitsplatz entfernen als der Pressluftschlauch vom Montagegerät reicht. Man, manchmal wünsche ich mir das kabelgebundene Internet zurück (leicht dramatisierte Darstellung).
Um es gleich vorweg zu sagen, ja ich habe gesündigt! Es war Montag 8:25 Uhr, erster Tag offline. Normalerweise wäre mein erster Griff zum Handy gewesen, um Twitter, Facebook und E-Mail-Provider nach neuen Nachrichten abzugrasen. Habe ich erfolgreich ausgelassen ohne das Gefühl etwas zu verpassen. Obwohl mich schon interessiert hätte was da draußen in der parallelen Netzwelt passiert. So ohne mich.
Ich hatte mir vorgenommen jeden Tag einen kleinen Text zu schreiben, dafür nahm ich mir das Netbook auf den Schoß. Während ich die ersten Zeilen tippte, macht es plötzlich “PLING!”. Am Abend zuvor hatte ich vergessen die WLAN Verbindung zu kappen und den Twitter-Client zu schließen. Dieser warf mir nun pflichtbewusst die aktuellen @Replies und Directmessages auf den Schirm! Mit einer Hand hielte ich die Ecke des Bildschirms mit den Notifications zu, mit der anderen fuchtelte ich hektisch den Mauszeiger auf die X-Icons. Schließen! Das war knapp, fast wäre die Aktion nach nicht mal neun Stunden in die Hose gegangen. Kam mir fast wie die Rache des Internets vor.
Weitere drei male habe ich “gesündigt”. Am Dienstag habe ich etwas auf meinem Arbeitsrechner gesucht, und beim hochfahren aus versehen den Skype Messenger gestartet. Einige Minuten unbemerkt online, sofort eine SMS “Du schummelst, hab Dich online gesehen!”. You can’t escape the bits & bytes.
Am Donnerstag stand ich in Frankfurt zwischen Bahnhofsviertel und Stadtmitte. Wer mich kennt weiß dass ich nicht gerade ein Pfadfinder bin. Ich habe also ausnahmsweise Google Maps auf dem Smartphone angeworfen um mich zu orientieren und so ein paar Kilobytes gen Himmel abgesendet.
Zu guter Letzt und in meinen Augen der einzige wirkliche Ausreisser war am Freitag. Ein Freund lies im Telefongespräch ganz beiläufig fallen, ob ich wüsste was auf meinem Facebook-Profil los sei. Natürlich ging ich online um nachzuschauen. Natürlich war da nix. Netter Scherz. Dude.
Bis auf diese kleinen Querschläger war ich offline. Das dringende Bedürfnis online zu gehen hatte ich eigentlich nie. Etwas schwer waren die Phasen in denen ich lange Weile hatte. Etwa lange Zugfahrten oder Wartezeiten. Ich hätte gern getwittert als ich das Gefühl hatte was mitteilen zu müssen. Etwa aus der Schrauberhalle, aus dem frech teuren Hotelzimmer ohne Minibar in Mannheim oder vom Geheimkonzert in der Schanze am Samstag. Auf Achse hatte ich oftmals den Finger über dem Facebook-Lesezeichen, um zu checken was meine Buddys in Hamburg gerade tun.
Während also echte Entzugserscheinungen ausblieben stellte sich ein erfreulicher Nebeneffekt der selbst auferlegten Netzdiät schon am Montag ein. Ich entspanne oft beim ziellosem rumstreunern im WWW. Dummerweise vergeht die Zeit dabei wie im Fluge, ein echter Timekiller. Da das sinnfreie Internetsurfen zur Zerstreuung nicht möglich war, musste ich meine Zeit wohl oder übel anders füllen. In meinem Fall war das ein längst überfällige Besuch in der Schrauberhalle. Die folgenden Tage füllte ich mit einem Besuch in der alten Heimat sowie einer Stippvisite in Mannheim und Frankfurt.
Sicher hätte ich ohne Internetverbot meinen Urlaub nicht nasebohrend am Rechner verbracht. Das pauschale Internetverbot jedoch hat mir mal wieder vor Augen geführt, wie viel Zeit ich mehr oder weniger sinnfrei im Internet verbringe. Und wie im Gegensatz dazu diese Zeit sinnvoll zu verbringen ist, wenn der innere Schweinehund erst einmal überwunden ist. Eine Erkenntnis die ich mir hoffentlich mit in die nächsten Wochen retten kann.
Zieht man sich auf Zeit aus dem Onlinezirkus zurück sollte man meinen dass man somit auch aus dem Spiel ist. Hier was in den sieben Tagen bei mir reinrauschte, ohne dass ich aktiv am Social Web teil nahm:
880 E-Mails
34 Twitter Follower, 6 @Replies, 13 DM’s
15 Foursquare Kontaktanfragen
18 Facebook-Kontaktanfragen, 8 Veranstaltungseinladungen, 19 weitere Anfragen
8 Xing Kontaktanfragen, 8 DM’s
Weiterhin bekam ich ein paar wirklich nette Anrufe von Leuten mit denen ich sonst eher im Web kommuniziere. Privat stellte sich ebenfalls ein kurioser Effekt ein: Man hat sich auf einmal etwas zu erzählen! Das kommt davon, wenn man sonst private Dinge im Social Web teilt. Die Freunde sind auch ohne Kontakt mehr oder weniger genau im Bilde was bei einem abläuft. Ohne die Infos von Facebook und Twitter muss man eben auch mal außer der Reihe anrufen und quatschen.
Sieben Tage Offline waren vor allem sehr entspannend. Ein Gefühl von Kopffreiheit. Meiner Meinung nach sollte Jeder, der im Web arbeitet oder sich privat viel im Netz bewegt regelmäßig mal den Stecker ziehen um den persönlichen Reset herbeizuführen. Mir hat es jedenfalls sehr gut getan.
PS:
Jürgen Stüber von der WELT Kompakt hat in seinem Blog über die Aktion geschrieben: http://stueber.welt.de/2010/03/07/hartetest/.
Unter http://www.slow-media.net/manifest findet sich ein interessante Betrachtungsweise zur rasanten Entwicklung der Medienwelt:
“Das Konzept “Slow” – Slow wie in Slow Food und nicht wie in Slow Down – ist ein wichtiger Schlüssel hierfür. Analog zu Slow Food geht es bei Slow Media nicht um schnelle Konsumierbarkeit, sondern um Aufmerksamkeit bei der Wahl der Zutaten und um Konzentration in der Zubereitung.”
Ähnliche Artikel im Blog:
14 Kommentare zu diesem Beitrag
Schreib' einen!Sieben Tage Offline ? mein Fazit http://tinyurl.com/y9dyc87
RT:Sehr interessant und amsüant Sieben Tage Offline ? mein Fazit #ow http://bit.ly/cQQSLZ
Lese Sieben Tage Offline — mein Fazit http://tinyurl.com/y9dyc87 von @svenwiesner
Respekt, dass Du das durchgehalten hast! Ich kann mir auch gut vorstellen, dass so eine “Online-Abstinenz” sehr erfrischend für den Geist ist.
Es gibt das ja in einer noch krasseren Form als “Digital Detox Week”:
http://konsumpf.de/?p=4008
Ob ich DAS schaffen würde, weiß ich nicht (wäre auch beruflich sehr schwierig)…
Comment left on 3.15.2010 by Peter
Ein interessantes Fazit. Insbesondere der Punkt mit dem bewussten Wahrnehmen wie viel Zeit man sonst im Netz auch gerne mal verschwendet beim ziellosen Umhersurfen führt einem dieses Problem gut vor Augen.
Comment left on 3.15.2010 by Marius
Das klingt doch super. Und eigentlich hast du wirklich NICHTS verpasst!
Vorallem das Gefühl der “Kopffreiheit” macht mich neidisch. Ich denke, ich werdes es auch mal angehen.
Achja, passend zum Thema “offline”, deine Präsentation von der Ignite ist bis jetzt die einzige, die es online geschafft hat. Die Qualität leidet leider darunter, dass es direkt vom Stream umgewandelt wurde aber es läuft.
Comment left on 3.15.2010 by Markus Reuter
Ja, Daumen hoch! Sehr interessant zu lesen. So eine Internetdiät könnte bestimmt niemandem schaden. Wenn der “Jojo-Effekt” nicht eintritt. ;)
Comment left on 3.15.2010 by Sebastian
Willkommen zurück!
Comment left on 3.15.2010 by Markus Möller
Danke, toller Beitrag.
Ich habe hier auf Reisen auch eine Woche ohne Internet, ja sogar ohne Handy oder Telefon verbracht. War auch mal ganz nett.
Auch wenn der Feedreeder danach zahlen ans iPod Icon heftet, die der iPod gar nichtmehr darstellen kann.
Ich denke ein bisschen entschleunigen tut uns allen ganz gut in dieser extrem schnelllebig gewordenen Zeit. Alles muss sofort gehen und man muss sofort antworten und so weiter. Das mal nicht zu tun kann auch wirklich befreiend sein. Und trotzdem vermisst man es dann irgendwann doch ein bisschen, oder?
Comment left on 3.15.2010 by Tobias
Vermisst habe ich den schnellen Zeitvertreib. Checken was die Freund grad machen. Nachrichten ziehen. Sonst nichts. Hatte ja Urlaub :-)
Comment left on 3.15.2010 by Sven Wiesner
Respekt!
Dazu auch noch toll geschrieben. Ja, irgendwie will doch sicherlich jeder mal dem Netz den Rücken zeigen, sei es nur für einen Tag, ein Wochenende oder eine Woche… aber den Mut hat nicht jeder. Man könnte ja schließlich was verpassen. :)
Jedenfalls musstest du sicherlich einen sehr entspannten Urlaub haben! :D
Daumen hoch für deinen Offline-Test.
Angenehmen Start in die Woche,
Alex
Comment left on 3.15.2010 by Alex
Ich war ja sehr gespannt wie Dein Fazit am Ende ausfällt und es freut mich zu hören, dass der Entspannungseffekt beim Offline-sein ohne Entzugserscheinungen eintritt :-) Respekt zum Durchhaltevermögen und die kleinen “Ausrutscher” seihen verziehen! Ich freue mich auf jeden Fall schon auf meine nächste selbstauferlegte “Offzeit”.
Schönen (Neu-)Start in die Online-Woche,
Alex
Comment left on 3.16.2010 by Alex Stockinger
Tolle Idee! Ich habe mir vorgenommen, eine Woche vor Ostern zumindest “Blog-Fasten”. Eine Woche keine neuen Beiträge zu veröffentlichen schafft Platz für neue Gedanken und auch Aktivitäten außerhalb des Internets.
Bereits zum Jahreswechsel habe ich eine solche Pause gemacht. Knapp 14 Tage “Weihnachts-Blogpause” haben meinem Blog nicht geschadet. Im Gegenteil: In dieser Zeit sind viele Leser ohnedies mit vielen anderen Dingen beschäftigt und haben keine Zeit zum Bloglesen.
Ganz möchte ich in der bevorstehenden Karwoche aber auf das Internet dennoch nicht verzichten. ;-)
Comment left on 3.16.2010 by Andersreisender
Wirklich interessanter Artikel! Dein Durchhaltevermögen bei dieser Aktion ist wirklich beneidenswert!
Dein Artikel animiert mich zum Nachmachen.. ;-)
Comment left on 3.16.2010 by Stefan